(Mit Camus, Mainländer und Schopenhauer im Gepäck)
Man liest es immer öfter in den Medien, dass Menschen Opfer von Betrugsmaschen werden – durch fingierte Anrufe, gefälschte Abbuchungen, systematische Täuschungen. Der Spiegel, beispielsweise, berichtete darüber bereits im Jahr 2010 >>> Vor einem Jahr war es ein Freund von mir – 99 Jahre alt – der telefonisch hereingelegt wurde. Ich konnte ihm helfen, mit Unterstützung der Polizei, sich zu wehren.
Aber dieses Jahr traf es mich selbst – trotz aller Vorsicht, trotz aller Wachsamkeit. Und das Erschreckende daran: Nicht der Betrug war das Verstörendste. Sondern die Art, wie Bank und Staat – zwei tragende Säulen unserer Ordnung – darauf reagierten.
Der Betrug – und was danach kam
Eine mir völlig unbekannte Organisation reichte bei meiner Bank ein Lastschriftmandat ein. Die Bank akzeptierte es blind – ohne Rückfrage, ohne Prüfung. Fünf Monate lang wurden Beträge von meinem Konto abgebucht. Als ich es bemerkte, war der Schaden längst entstanden. Ich konnte zwei der fünf Zahlungen rückholen. Doch bei den anderen drei stellte verweigerte die Bank die Rückerstattung – trotz Betrugsanzeige, trotz Einhaltung der gesetzlichen 13-Monatsfrist (§ 675z BGB), trotz der Tatsache, dass ich der Bank die kriminelle Natur des Vorfalls klar darlegte.
Vor Anzeigeerstattung recherchierte ich selbst, fand stichhaltige Hinweise auf organisierte kriminelle Strukturen und meldete alles der Polizei. Die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren ein – möglicherweise aufgrund von Überlastung oder weil andere Fälle als dringlicher eingestuft wurden.
Und hier beginnt das wirklich Absurde: Nicht der Betrug – sondern dass ein System zusieht, erkennt – und dennoch nicht handelt. Es könnte, aber will nicht. Es weiß, aber antwortet nicht.
Genau hier trifft uns das, was Albert Camus die „Normalisierung des Absurden“ nannte:
Wenn das Ungeheuerliche nicht mehr empört, sondern als Teil der Ordnung erscheint,
ist die Würde des Menschen bereits beschädigt.
In einer Anwaltskanzlei erfuht ich: Ja, ich könnte klagen – gegen die Bank, gegen die Behörde. Die Chancen seien nicht schlecht. Aber: Der Aufwand, die Kosten, das Risiko stehen in keinem Verhältnis zum materiellen Schaden. Ausserdem bin ich kein Freund von Klagen. Ich versuchte beide von der Bedeutung einer fairen Lösung, aus meiner Sicht, zu überzeugen. Keine Reaktion von Seiten dieser mächtigen Kräfte.
Eine bittere sich wiederholende Erkenntnis: Wer Recht will, muss es sich leisten können. Und wer Gerechtigkeit will, muss vor allem Geduld mit einem System haben, das längst seine Trägheit zur Tugend erhoben hat.
„Fast 80 Prozent der für die Studie befragten Nutzer gehen davon aus, dass die Täter nicht zur Rechenschaft gezogen werden. In Deutschland ist der Anteil der Pessimisten sogar noch höher: 88 Prozent der Befragten glauben, dass Online-Kriminelle nicht dingfest gemacht werden können.“ Der Spiegel, 08.09.2010, 12.42 Uhr >>>
Nun durfte auch ich erleben, dass Internet-Betrüger gute Chancen haben, weil banken und der Staat es denen leicht machen.
Und so steht man da – wie Sisyphos vor dem Stein
Ein Bürger als Verbraucher tut das Richtige: meldet den Missstand, zeigt Initiative, sucht Aufklärung.
Und trifft auf ein System, das längst gelernt hat, wegzusehen. Weil es bequemer ist. Billiger. Zeitsparender.
Philipp Mainländer – der große Philosoph aus Offenbach – hätte darin den „Willen zum Untergang“ erkannt:
Ein System, das den Einzelnen zermalmt und sich selbst als alternativlos ausgibt.
Und Schopenhauer hätte vielleicht nur lakonisch ergänzt: „Das Leben ist ein Pendel zwischen Schmerz und Langeweile.“
Für viele Verbraucher ist genau das Realität geworden: Schmerz bei der Durchsetzung ihrer Rechte – und Langeweile bei der Frage, ob überhaupt noch jemand zuhört.
Supermarkt-Szene: Ein Symbol
Ich erinnere mich an eine Begegnung im Supermarkt: Eine Frau und ich warteten gemeinsam vor der Leergutannahme. Die Automaten waren voll – und niemand kam, um sie zu leeren, obwohl ich mehrfach an der Kasse auf das Problem hingewiesen hatte. Fast 30 Minuten vergingen, in denen wir einfach ignoriert wurden. Während wir dort standen, kamen wir ins Gespräch über den Alltag als Verbraucher in Deutschland und über das Ziel meines Projekts>>>. Die Frau sagte zu mir: „Deutschland wäre nicht mehr Deutschland, wenn es so denken und handeln würde“, denn Gehorsam sei hierzulande Normalität – Widerstand hingegen – selbst im Kleinen – gelte als unangenehm, ja fast schon ungehörig.
Der Einzelne? Ordnet sich unter. Schweigt. Erträgt.
So sei es immer gewesen – und werde auch so bleiben.
Diese kurze Szene ist für mich ein Symbol für ein größeres Problem: Die Normalisierung der Gleichgültigkeit. Die systematische Entmutigung. Und die stille, lähmende Überzeugung
„Es bringt ja eh nichts.“
Fazit
Wenn das Absurde nicht mehr als solches erkannt wird, sondern Teil der Ordnung wird, dann ist nicht nur der Kunde im Supermarkt, bei der Bank oder in der Behörde entmündigt – sondern der Einzelbürger selbst ist in seiner demokratischen Würde gefährdet.
Wie viele Einzelbürger gibt es noch in unserer Demokratie?
Die Geringschätzung des Einzelnen in seiner Rolle als Verbraucher ist kein bloßes Serviceproblem.
Sie ist ein demokratisches Alarmsignal.
Warum ich weitermache
Ich werde weiter schreiben, weiter fragen, weiter aufklären – nicht, weil ich glaube, dass sich das System über Nacht verändern wird, sondern weil ich überzeugt bin, dass es noch Menschen gibt, die nicht abgestumpft sind. Menschen, die – wie ich – ein Deutschland wollen, das nicht nur wegen sozialer Leistungen attraktiv ist, sondern wegen eines funktionierenden Schutzmechanismus, über den jeder einzelne Verbraucher verfügt.
Ein Deutschland, das den Einzelnen wirklich ernst nimmt und schützt – nicht nur auf dem Papier, sondern im Alltag. Auch dann, wenn man als individueller Verbraucher in eine Notsituation gerät.
Wenn unser Land diesen Schutzmechanismus schafft – wie wir ihn mit dem Projekt „Verbraucherhilfe-direkt, individuell, kostenlos“ anstoßen wollen –, könnte daraus ein echtes Alleinstellungsmerkmal innerhalb Europas entstehen:
Ein Fortschritt für Demokratie, Würde und Teilhabe in einem modernen EU-Mitgliedstaat
