Das DIW Berlin veröffentlichte am 8. April 2024 im Blog von Marcel Fratzscher einen Artikel mit dem Titel „Deutschland ist nicht das Paradies“ (Quelle>>>). Darin geht es um Fachkräfteeinwanderung und um die Frage, warum Deutschland daran scheitert, mehr hochqualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland zu gewinnen. Die Darstellung des Problems ist symptomatisch für eine verkürzte Standortsicht in Deutschland. Sie berücksichtigt vor allem klassische arbeitsmarkt-, migrations- und integrationspolitische Standortfaktoren: Einkommen, Karrierechancen, Sprache, Bürokratie, Aufenthaltstitel, Willkommenskultur und Arbeitsmarktintegration. Diese Faktoren sind wichtig, reichen aber nicht aus.
Was regelmäßig ausgeblendet wird, ist die Alltagserfahrung des einzelnen Menschen in Deutschland. Gut qualifizierte ausländische Fachkräfte kommen nicht nur in einen Arbeitsmarkt. Sie kommen in einen Wohnungsmarkt, einen Gesundheitsmarkt, einen Telekommunikationsmarkt, einen Versicherungsmarkt, einen Bankenmarkt, einen Behördenalltag und einen Dienstleistungsmarkt. Dort erleben sie sehr konkret, ob ein Land funktioniert, ob sie respektiert werden und ob sie ihre Rechte tatsächlich durchsetzen können.
Genau hier liegt ein unterschätzter Standortnachteil Deutschlands. Auf einem Verbrauchermarkt gibt es im Kern zwei Arten von Akteuren: Verbraucher und Unternehmen. Beide stehen sich formal als Vertragspartner gegenüber, tatsächlich aber meist nicht auf Augenhöhe. Unternehmen verfügen über Organisation, Rechtsabteilungen, Standardverträge, Daten, Routinen, Erfahrung und wirtschaftliche Durchsetzungskraft. Verbraucher dagegen handeln als Einzelne. Sie müssen nachweisen, reklamieren, warten, widersprechen, Fristen einhalten, Beschwerden schreiben und im Zweifel klagen.
Darin zeigt sich das strukturelle Problem: Der deutsche Verbraucherschutz schützt Rechte häufig erst auf dem Papier. In der Alltagspraxis bleibt der einzelne Verbraucher oft allein. Schlechter Service, fehlerhafte Leistungen, Vertragsfallen, unbegründete Vertragsstornierungen, intransparente Prozesse, Untätigkeit oder verweigerte Verantwortung haben für Unternehmen zu selten unmittelbare Folgen. Für Verbraucher bedeuten solche Erfahrungen Zeitverlust, Stress, finanzielle Risiken und das Gefühl, allein gegen ein übermächtiges System zu stehen.
Diese Alltagspraxis zeigt sich in vielen konkreten Situationen – und häufig auch in einer Gleichgültigkeit gegenüber den Belastungen, die dadurch im Verbraucheralltag entstehen: bei Telekommunikationsunternehmen, die Verträge grundlos stornieren oder Leistungen nicht zuverlässig erbringen; bei Versicherungsgesellschaften, die sich nicht an Verträge halten oder Versicherungsschutz rechtswidrig verweigern; bei Arztpraxen, deren Terminbuchung immer komplizierter wird; bei digitalen Plattformen, die faktisch zur Voraussetzung für den Zugang zu Leistungen werden; beim Zwang zur Weitergabe persönlicher Daten an Organisationen, die Verbraucher kaum kennen; bei Kundenbeschwerden, die nicht zur Lösung führen, sondern zusätzliche Belastungen auslösen; und bei Aufsichtsbehörden, die an der eigentlichen Reklamation vorbeireagieren und Menschen dadurch weiter zermürben.
Diese Erfahrung betrifft auch qualifizierte Migrantinnen und Migranten. Wenn sie in Deutschland erleben, dass sie als Einzelne kaum wirksam geschützt werden und sich gegen solche Behandlungen kaum erfolgreich wehren können, entsteht kein Gefühl von Ankommen. Dann wird Deutschland nicht als modernes, faires und effizientes Land erlebt, sondern als ein System, in dem man ständig kämpfen muss, um Selbstverständlichkeiten zu erhalten.
Unternehmen und ihre Verbände sprechen gern über Fachkräftemangel, Standortbedingungen und Wettbewerbsfähigkeit. Die Bedürfnisse der Verbraucher werden dabei jedoch häufig ausgeblendet. Wer Fachkräfte gewinnen und halten will, darf sie nicht nur als Arbeitskräfte betrachten. Sie sind zugleich Mieter, Patienten, Kunden, Versicherte, Bankkunden, Steuerzahler und Nutzer öffentlicher Dienstleistungen.
Deutschland verliert daher nicht nur wegen Gehalt, Sprache oder Bürokratie an Attraktivität. Deutschland verliert auch, weil zu viele Menschen im Alltag erleben, dass ihre Rechte zwar formal bestehen, aber praktisch nur schwer, langsam oder gar nicht durchsetzbar sind. Fehlende Servicekultur und schwacher Verbraucherschutz auf Ebene des einzelnen Falls sind deshalb keine Randthemen, sondern zentrale Standortfaktoren.
In vielen Ländern der Welt finden gut qualifizierte Menschen ebenfalls Einkommen, Karrierechancen und berufliche Perspektiven. Der Unterschied entsteht daher immer stärker im Alltag. Wer sich als Verbraucher, Patient, Mieter, Kunde, Versicherter oder Nutzer öffentlicher Dienstleistungen respektiert und wirksam geschützt fühlt, bewertet einen Standort anders. Ein fairer, verlässlicher und verbraucherfreundlicher Alltag kann deshalb zu einem entscheidenden Wettbewerbsvorteil werden.
